In den 1960er-Jahren baute die Kraftwerke Mattmark AG einen Stausee im Süden des Saastals. Genauer gesagt, liess sie ihn von Bauarbeiter*innen bauen. Während fünf Jahren arbeiteten und lebten rund 1'400 Menschen am Fuss des Allalingletschers. Die Männer bauten den Damm, die Frauen arbeiteten in den Kantinen und Unterkünften.
Im August 1965 brach ein gewaltiger Teil des Gletschers ab. Die Lawine aus Eis, Felsen und Geröll begrub die Baracken und tötete 88 Menschen – die meisten von ihnen italienische Saisoniers. Schon damals war umstritten, dass die Unterkünfte trotz des bekannten Risikos direkt unter der Gletscherzunge platziert wurden. Dennoch sprach das Gericht die Verantwortlichen sieben Jahre später frei.
Bis heute gehört Mattmark zu den schwersten Katastrophen der Schweizer Baugeschichte. Doch die historische Aufarbeitung blieb lückenhaft. Wer sich eingehender damit befassen möchte, liest am besten Mattmark 1965. Ein bewegendes Buch, das die Geschichte der Mattmark-Katastrophe zu einer vielschichtigen Erinnerungskultur beiträgt.
Die Historikerin Elisabeth Joris erzählt die Geschichte von Mattmark aus der Sicht der Frauen, ohne die die Grossbaustelle nicht funktioniert hätte und deren Stimmen in der Erinnerung kaum vorkamen.
Joris zeigt auch, dass Mattmark bis heute zwei Erinnerungsgeschichten trägt: jene des Verlusts und der Trauer in Italien und jene des heutigen Wanderorts am Stausee in der Schweiz. Die italienische Erinnerung findet ihren Ausdruck im Lied La tragedia di Mattmark. Seine Schlusszeile lautet: «La montagna col bianco suo abbraccio se li tiene, li prese con sé.» – «Der Berg mit seiner weissen Umarmung hält sie fest, hat sie mit sich genommen.»